Staffel 6

6.01 The only gay in the village

6.02 Love, Dimi

6.03 Die Papa-Telefonate (aka Dimi gibt seine Lebensersparnisse für Tim & Struppi aus)

6.04 Die Namenstagserkältung

6.05 Meine Welten verschmelzen, oder: Das Kennenlernen

6.06 Das Dissertationsfegefeuer

6.07 Von Entlastungsdepressionen in Einkaufszentren

6.08 Fuchshemd, Schriftkonferenz, Cambridge

6.09 Podcastliebe auf den ersten Blick

6.10 Du hast mir die Welt geschenkt, ich zeig sie dir, Mama

6.11 Was Pride bedeutet (aka Hongkonger Katzenzwinkern)

6.12 Waschbärhemd, Toronto, Action!

6.13 Mein neuer Papa (Staffelfinale)

Unsere Grauzone – Eine #MeQueer-Fortsetzung

Dies ist eine Fortsetzung von Alle Grautöne zwischen uns – Eine #MeQueer-Geschichte, ein Beitrag, in dem ich von der Vorgeschichte von meinem Papa und mir erzähle.

Am 5. Januar 2019 war es soweit. Mein Papa lernte meinen Freund kennen. Ein Ereignis, an dessen Eintreten ich nach all den Jahren nicht mehr wirklich geglaubt hatte. Ein Ereignis, das mein Leben verändert hat. Lasst mich am Anfang der Geschichte beginnen. Oder zumindest dort, wo ich das letzte Mal stehen geblieben war.

Der vergangene Sommer war zu dem Zeitpunkt, an dem ich meine persönliche #MeQueer-Geschichte niedergeschrieben hatte, noch länger nicht vorbei. Wie sich einige, die meine Tweets zur damaligen Zeit mitverfolgten, vielleicht noch erinnern können, war es mein großer Wunsch, während meines Aufenthalts bei meiner griechischen Familie noch den Film Love, Simon mit meinem Papa anzuschauen. Ein sehr süßer, harmloser Film über Simon, einen 17-jährigen Schüler, der mit seinem Coming-out zu kämpfen hat, und das obwohl sein Umfeld sehr unterstützend und tolerant ist. Der Film ist einfühlsam und „harmlos“ insofern, als er auch nicht-queeren Menschen sowie Menschen, die bisher noch nicht zu viel Einblick in die Gefühlswelt eines Menschen rund um sein Coming-out gewinnen konnten, ebendiesen Einblick auf eine massentaugliche, nicht allzu konfrontative Art und Weise erlaubt. Für mich bedeutete das unter anderem konkret: Es kommen nur zwei kurze Kussszenen im Film vor. Das war für mich eindeutig ein Vorteil, wenn ich darüber nachdachte, diesen Film meinem Papa zu zeigen, was sich in seinen späteren Aussagen zu gleichgeschlechtlichen Küssen bestätigen würde. Traurig, aber wahr.

Nachdem ich mich endlich getraut hatte, mit (leicht zittriger) Stimme zu fragen, ob wir diesen Film namens Love, Simon anschauen würden und mein Vater zugestimmt hatte, war es auch bald soweit. Ich war so nervös wie lange nicht mehr, da ich keine Ahnung hatte, wie mein Vater auf den Film reagieren würde. Würde er aufstehen und gehen? Würde er böse werden? Würde ihm der Film gefallen? Ich saß wie ein halbes Wrack neben meinem Papa, während er bei den lustigen Szenen lachte und den Film auch immer wieder kommentierte. Der Film schien ihm zu gefallen und er war erstaunlich entspannt. Ein bisschen seiner Ruhe, die er so vermittelte, schwappte auch auf mich über, und das fühlte sich seit langem wieder einmal wie etwas an, was ein Elternteil für sein Kind tut: Ruhe vermitteln, alles ist okay. Als der Abspann des Films begann, wurde ich schlagartig wieder nervös; der Film selbst war natürlich nicht der springende Punkt gewesen. Als mein Vater mich aber dann auch fragte, ob ich ihm mit diesem Film etwas sagen wollte, fehlten mir die Worte, denn ich wollte ihm eigentlich nichts Konkretes mitteilen, ich wollte nur meinen Alltag in seinen Augen normalisieren, ihn indirekt an meiner Gefühlswelt teilhaben lassen, und dieser Mainstream-Film, in dem Schwulsein für alle okay ist, in dem aber gleichzeitig auch die Herausforderungen eines Coming-outs und der Mut, den es benötigt, dargestellt werden, sollte dabei helfen. Bevor ich eine Antwort mit diesen Gedanken formulieren konnte, begann allerdings mein Papa, sich sein Anliegen von der Seele zu reden. Das war der Startschuss für einen Dialog, der retrospektiv zu einem entscheidenden Moment in der Geschichte werden würde. Er liebt mich, ist stolz auf mich und weiß, ich bin glücklich. Das wollte er vorab gesagt haben. Soviel dazu. Diese Dinge, die in der Theorie schön klingen, wird mein Papa in solchen Situationen immer los, und sie wirkten vor allem in diesem Gespräch im Sommer so, als würde er mit ihnen einiges von dem, was noch folgen würde, abfedern wollen. Mein Papa sagt diese Sätze, weil von Eltern erwartet wird, dass sie so etwas zu ihren Kindern sagen. Für mich waren sie allerdings die längste Zeit leer, ich konnte sie ihm nicht glauben, weil er sich nicht verhielt, als wären sie wahr.

Er setzte fort, dass er weiß, dass ich einen Freund habe, und das schon längere Zeit. „Dass wir etwas zu dritt unternehmen… das kann ich mir nicht vorstellen“, meinte er. Das zu hören war ein herber Rückschlag, denn in dem Moment, als er das ausgesprochen hatte, verstand ich selbst erst, was mein langfristiges Ziel war und warum ich auch diesen Film mit meinem Papa anschauen wollte: Ich wollte meinen Vater an meinem Leben teilhaben lassen, und zwar an allen Aspekten. Der zentralste zwischenmenschliche Aspekt ist eben meine Beziehung, mein Freund. Es geht nicht mehr nur darum, dass ich schwul bin. Es geht jetzt darum, was für Auswirkungen das auf mein Leben hat, dass das ein Aspekt von mir ist, den man nicht isolieren kann. „Warum?“, fragte ich. Warum würde er meinen Freund nicht kennenlernen können? Darauf konnte er nicht antworten. Dass wir uns vor ihm nicht küssen würden oder Händchen halten würden versicherte ich ihm dann auch, wenn auch mit einem schlechten Gewissen, da sich das gefährlich nach Selbstzensur anfühlte, aber er blieb skeptisch, wenn auch frustrierend wort- und argumentslos, was die Irrationalität, die dieser gesamten Geschichte zugrunde liegt, abermals unterstrich. Dieses Gespräch, das ich auch in einem Thread auf Twitter nachzeichnete (https://twitter.com/halbgrieche/status/1034428907456528384), warf noch andere Aspekte auf, die ich hier nicht detailliert nachzeichne. Einige von ihnen überraschend positiv, einige so negativ, dass es sich anfühlte, als hätte mein Papa seit meinem Outing keine Fortschritte gemacht. Zentral war unter anderem, dass mein Papa erwähnte, er habe noch immer die Hoffnung, ich würde mich ändern, sprich hetero werden. Diese Hoffnung zerschmetterte ich vehement, so selbstbewusst wie nie zuvor. Das war ich mir schuldig und das fühlte sich richtig an. Das Ende des Gesprächs bestand schließlich darin, dass ich meinem Papa deutlich zu verstehen gab, dass ich glücklich bin und an meinem Leben nichts ändern werde. Ich sprach den Wunsch aus, dass er auch ein Teil meines Lebens wird und dass er meinen Freund kennenlernt. Dass das etwas Positives wäre, da ich ihn, meinen Vater, gerne einbinden würde, weil er mir wichtig ist, aber dass es bezüglich meines Schwulseins keine Kompromisse gäbe. Dass ich erwarte, dass er auf mich zukommt und mir Bescheid gibt, sobald er bereit ist, meinen Freund kennenzulernen. Er schüttelte nur den Kopf, wandte seinen Blick von mir ab und antwortete nicht. Ich glaubte nicht daran, dass er jemals bereit sein würde. Es folgte Stille. Wortwörtlich und im übertragenen Sinne. Danach sprachen wir in diesem Sommer nämlich nicht mehr über mein Privatleben. Ein bisschen wirkte dieses Gespräch wie verlorene Liebesmüh. Ich hatte ja keine Ahnung.

Ein paar Wochen nach meiner Rückkehr nach Österreich, als die sommerlichen griechischen Abenteuer allmählich in die Ferne rückten, sah ich plötzlich auf meinem Handydisplay, dass mein Vater mich angerufen hatte. Mein erster Gedanke: War etwas passiert? Ich rief etwas beunruhigt zurück. Mein Vater rief mich nie an, es muss etwas passiert sein. Als er abhob, klang er allerdings entspannt. Er hatte nur angerufen, um meine Stimme zu hören und mich zu fragen, wie es mir geht. Das zu hören war überwältigend. Wir führten ein kurzes, aber sehr liebes Gespräch und er meinte gegen Ende, dass er sich freuen würde, wenn wir uns öfter hören würden. Ich fasste den Entschluss, meinen Papa bald anzurufen, um mit ihm in Kontakt zu bleiben und diese Chance zu nutzen. Dass er mich angerufen hatte war, wenn man ihn und unsere Beziehung kennt, ein überwältigendes Eingeständnis und ein unglaublicher Schritt, den er für unsere Beziehung und vor allem mich, seinen Sohn, getan hatte. Kurze Zeit später rief ich ihn also auch an. Erzählte von meiner Dissertation, der Konferenz in Brüssel, bei der ich war, aber nach wie vor nichts aus meinem Privatleben. Von meinem Freund. Und so ging das dann hin und her, alle paar Wochen. Schließlich rief er mich Mitte Oktober an und klang so glücklich und gut gelaunt wie schon ewig nicht mehr. Diese ganz bestimmte Tonlage der Stimme meines Vaters hatte ich fast vergessen gehabt. „Du bist der Erste, dem ich es sage… Ich komme nach Weihnachten für zwei Wochen nach Österreich.“ Ich freute mich, und zwar so hörbar, dass mein Papa sich auch gleich noch mehr freute. Ich lächelte so stark, dass es eines dieser Lächeln war, die man übers Telefon hören kann. Das erste Mal seit fast einem Jahrzehnt würde mein Papa wieder an meinem Lebensmittelpunkt sein. Dort, wo mein Leben sich abspielt. Dort, wo ich vollkommen ich sein kann. Ja, er würde für zwei Wochen kommen, und sobald sich diese Information gesetzt hatte, dämmerte mir allmählich, was das eigentlich bedeutete. Und was für Chancen sich ergeben könnten, wenn mein Papa einmal am selben Ort wäre wie mein Leben. Schnell erstickte ich die Hoffnungen, die leise auftauchten und unaufhörlich lauter wurden, im Keim, da ja erst ein paar Monate seit unserem Gespräch post-Love, Simon vergangen waren und mein Vater seither trotz unseres sehr erfreulichen regelmäßigen Kontakts keine Anstalten gemacht hatte, mir zu vermitteln, an seiner Einstellung hätte sich etwas geändert.

Weihnachten war aus einigen Gründen wie jedes Jahr wieder eine emotionale Zeit für mich. Seit letztem Jahr feiere ich mit meiner Mama vor, nur wir beide, weil ich an Heiligabend bei meinem Freund und seiner Familie bin. Seiner Familie, die mich seit Jahren mit offenen Armen empfängt und mir das Gefühl gibt, ein Teil der Familie zu sein, das komplette Gegenteil von meinem Papa, mit dem ich noch nicht einmal über meinen Freund gesprochen hatte. In Gedanken war ich währenddessen schon oft bei meinem Papa und seiner Freundin, die am 26. Dezember kommen würden. Ebenso bei meinem jüngeren (22-jährigen) Halbbruder, der in Athen wohnt, sowie dessen Freundin, die ebenfalls zur selben Zeit zu Besuch kommen würden. Zum ersten Mal seit langem wäre der väterliche Teil meiner Familie wieder vereint, und dann auch noch dort, wo ich zuhause bin. Und schneller als erwartet kam er auch, der Tag, an dem alle beieinander waren. Fast. Wir trafen uns alle bei meinem großen Bruder. Dort waren meine Gefühle stark gemischt. Ich freute mich, alle wiederzusehen, aber gleichzeitig war es seltsam, weil alle mit Partnerin anwesend waren: Mein Papa mit seiner Freundin, mein Bruder mit seiner Frau, mein Halbbruder mit seiner Freundin. (Ich nenne meinen Halbbruder im Folgenden nur deshalb Halbbruder, um zwischen meinem großen Bruder und ihm, meinem kleinen Bruder, zu unterscheiden. Er ist genauso mein Bruder, ob halb oder ganz, da mache ich keinen Unterschied. Ich könnte meine Brüder auch bei ihren Namen nennen, aber ha, sie heißen gleich. Ja, tatsächlich – aber das ist eine andere Geschichte.) Nur ich war ohne Freund da, und niemanden schien es zu stören. Außer mich. Am nächsten Tag zeigte ich meinem Halbbruder und seiner Freundin Wien, und am Nachmittag stieß nach der Arbeit auch mein Freund dazu. Wir verstanden uns alle trotz sprachlicher Hindernisse so gut, dass wir irrsinnig viel lachten und den Tag eigentlich nicht enden lassen wollten. Wir beschlossen also, noch Cocktails trinken zu gehen. Ich konnte endlich ein bisschen von der Arbeit abschalten (ich bin sehr kurz davor, meine Dissertation abzuschließen, was extrem ermüdend ist, aber das ist eine andere Geschichte) und hatte große Lust auf einen Moscow Mule, und die anderen fanden, das wäre eine gute Idee. Das war dann auch der Zeitpunkt, an dem unser Vater meinen Halbbruder anrief; ein Zeitpunkt, vor dem ich mich gefürchtet hatte, da ich ahnte, was passieren würde. Unser Vater fragte meinen Halbbruder, was wir geplant hatten und als er hörte, wir gingen noch was trinken, wollte er mit seiner Freundin dazustoßen, also erkundigte er sich, wie er mit der U-Bahn in die Innenstadt kommen würde. Da wiederholte mein Halbbruder, der sich der Komplexität der gesamten Situation bewusst war, deutlich, dass wir gemeinsam unterwegs wären, zu viert, und mein Vater war offensichtlich überrascht, denn er dachte, wir wären nur zu dritt, also ohne meinen Freund, unterwegs. „Ah, okay“, sagte mein Halbbruder dann nur mehr und legte auf. Ich wusste, was geschehen war, und mein Halbbruder bestätigte es: Als mein Vater verstanden hatte, dass mein Freund dabei war, meinte er „Ah, dann lieber nicht“ und entschied, doch nicht mehr nachzukommen. Schließlich richtete er sogar noch liebe Grüße aus, aber nur an die Freundin meines Halbbruders. Nicht an meinen Freund. Nicht an mich. Alles das erklärte mir mein Halbbruder auf Griechisch, während mein Freund sich mit der Freundin meines Halbbruders unterhielt. Ich erzählte meinem Freund erst davon, als wir nach dem Cocktailtrinken am Heimweg waren, damit nicht auch sein ganzer Abend ruiniert war. Es brach mir das Herz, es ihm zu erzählen, aber ich konnte es auch nicht nicht erzählen. Und ja, es brach mir nicht nur das Herz, es ihm zu erzählen, sondern es brach mir schlicht das Herz. Und machte mich wütend.

In diesem schmerzhaften Moment, in dem ich mich auch fühlte, als wäre ich weniger wert als mein Halbbruder, mit dem und dessen Freundin mein Papa sofort etwas unternommen hätte, fasste ich den Entschluss, dass ich meinen Vater nicht treffen würde, wenn mein Freund nicht auch gerade etwas anderes vorhatte und beschäftigt war. Ich würde nicht mehr alleine kommen, wenn alle wieder mit Partnerinnen kommen würden. Ich würde meinen Freund ganz sicher nicht daheim sitzen lassen, um meinen Vater zu sehen. Ich hatte mich entschieden. Aber es tat weh, dass eine Entscheidung – diese Entscheidung  – überhaupt notwendig war.

Von Wien ging es schließlich weiter nach Graz, in meine Heimatstadt. Eine Nacht würden mein Halbbruder und seine Freundin bei mir übernachten, und mein Freund war auch da (wir führen eine Fernbeziehung). Auch mein Vater und seine Freundin kamen zur selben Zeit nach Graz, denn mein Vater hat hier noch eine Wohnung, noch von damals, als er hier (über 30 Jahre lang) lebte. Wieder war ein großer Teil meiner Familie an diesem Ort, nun tatsächlich meiner Heimatstadt, dem Ort, an dem ich jeden Tag mein Leben lebe. Mein Halbbruder, seine Freundin, mein Freund und ich erkundeten gemeinsam die Stadt und verbrachten abermals eine tolle Zeit miteinander, bis wieder dasselbe passierte. Diesmal jedoch war es noch um einiges schlimmer. Mein Vater rief meinen Halbbruder an, und diesmal wollte dieser sich auch mit meinem Vater treffen, wusste aber, dass wir nicht alle gemeinsam etwas unternehmen könnten, sondern er sich entscheiden müsse. Also machten mein Freund und ich uns auf den Heimweg. Damit aber nicht genug. Als mein Vater anrief, um sich mit meinem Halbbruder und dessen Freundin zu verabreden, war er schon in der Innenstadt, wo wir auch gerade waren. Obwohl mein Freund und ich uns bereits auf den Heimweg machten, hatte ich Angst. Angst, meinen Vater zufällig zu treffen, was in der Innenstadt von Graz nicht unrealistisch ist. Ich schämte mich für das, was ich empfand. Ich fühlte mich unwillkommen. In meiner eigenen Stadt, meinem Zuhause. Also fuhren mein Freund und ich nach Hause, während mein Vater, seine Freundin, mein Halbbruder und dessen Freundin Glühwein tranken, Torte aßen und sich gut verstanden. Das wird für mich eines der schlimmsten Gefühle bleiben, die ich jemals empfand. Groß waren die Hoffnungen gewesen, dass mein Vater an meinem Lebensmittelpunkt sein würde und ich ihm mein Leben zeigen könnte. Jetzt versteckte ich mich sogar dort. Mich und mein Leben.

Kurze Zeit später reisten mein Halbbruder und seine Freundin zurück nach Griechenland. Mein Vater und seine Freundin würden noch über eine Woche länger bleiben. Zwei Tage nach Silvester, das ich besinnlich mit meinem Freund in Wien verbracht hatte, traf ich meinen Vater, der Silvester mit seiner Freundin bei meinem (großen) Bruder in Wien gefeiert hatte. Gemeinsam passten wir einen Tag lang auf meinen kleinen Neffen, seinen Enkel, auf, und schließlich fuhren wir am Abend gemeinsam mit dem Auto wieder nach Graz. Die zweistündige Autofahrt war traditionell still. Die Freundin meines Papas schlief auf der Rückbank und er und ich hatten uns wenig zu sagen. Warum tust du dir das an, eine Frage, die mich immer schwerer beschäftigte, auch während dieser Autofahrt. Eine Frage, die mir von einigen Personen in den Tagen vor dieser Autofahrt gestellt worden war, nachdem ich ihnen von der abweisenden Haltung meines Vaters berichtet hatte. Im Sommer bei unserem Gespräch nach Love, Simon hatte ich mir noch gedacht, ich würde geduldig sein, irgendwann würde mein Vater vielleicht seine Einstellung ändern und ich würde ihn nicht hetzen wollen. Geduld ist die eine Sache, ja. Die hatte ich, denn es waren bereits fast 8 Jahre seit meinem Outing vergangen. Sich aber so zu fühlen, wie ich es in der Zeit tat, die mein Vater nun in Österreich war, ist eine andere. Für mich wurde immer klarer, dass ich so nicht lange würde weitermachen können.

Als wir in Graz ankamen, gingen wir noch in ein Einkaufszentrum in ein Café. Als wir zum Auto zurückspazierten und die Freundin meines Papas etwas weiter vor uns marschierte, fing mein Papa an: „Wenn du magst…“. Er sprach auf Deutsch, was er sonst so gut wie nie tat, wenn er mit mir sprach. Es macht ihn verletzlich, weil es nicht seine Muttersprache ist und er einen starken Akzent hat. Weil es meine und nicht seine Sprache ist. „Wenn du magst und wenn Lukas mag, dann können wir uns treffen, damit wir uns kennenlernen.“ Ich konnte mein Erstaunen kaum verstecken. Alleine, dass mein Vater zum allerersten Mal den Namen meines Freundes ausgesprochen hatte, erweckte ein Gefühl der überschwänglichen Freude in mir. Als wäre mein Freund und mein Privatleben für meinen Papa plötzlich selbstverständlich, so fühlte sich das an. Die Tatsache, dass es mich schon so freute, dass er nur seinen Namen erwähnte, spricht wohl Bände. Und dass er ihn kennenlernen wollte… Ich wusste ehrlich nicht, wie um mich geschehen war. Ich weiß bis jetzt nicht, was meinen Vater dazu bewog, schlussendlich doch einem Treffen zuzustimmen. Es kann mir auch egal sein, denn ab diesem Zeitpunkt zählte nur, dass er jetzt offensichtlich bereit war. Nicht nur ich war überrascht, auch mein Freund, selbstverständlich der Erste, dem ich davon berichtete, war überwältigt. Mein gesamtes Umfeld konnte es nicht fassen. Jahrelanges Warten kann durch einen Satz beendet werden. Das ist bizarr, und es dauert, bis man es verdaut hat.

Schließlich kam der Tag. Samstag, 5. Januar 2019, fast 8 Jahre, nachdem ich mich bei meinem Papa geoutet hatte. Über 5 Jahre, seitdem ich mit meinem Freund zusammengekommen war. Und nur mehr rund 30 Minuten, bis meine zwei Welten vereinigt werden würden. Obwohl es das war, was ich mir schon so lange gewünscht hatte, war ich unglaublich nervös. Am Ende kam diese Entwicklung doch sehr plötzlich und ich wusste nicht, wie das tatsächliche Treffen ablaufen würde. Würde mein Vater nett zu meinem Freund sein? Würden wir uns alle überhaupt etwas zu sagen haben? Auf die Minute genau um 9:30 waren mein Freund und ich beim Café, bei dem wir uns zu viert treffen wollten – auch die Freundin meines Papas, die meinen Freund schon die längste Zeit kennenlernen wollte, da sie nie auch nur das geringste Problem mit meinem Schwulsein hatte, würde dabei sein. Die Zeit verging, aber niemand kam. Das Café war leer. Wir trafen uns so früh, weil mein Papa dann nach Wien fahren wollte, wieder zu meinem großen Bruder, um dort seinen Enkel – meinen Neffen – zu sehen. 9:40. Nichts. Mein Herz klopfte. Ich war nach wie vor nervös wegen des Treffens, andererseits hatte ich mittlerweile auch Angst, dass es vielleicht gar nicht stattfinden würde, weil mein Papa es sich doch anders überlegt hatte. Doch dann rief er an. „Wir sind am Weg!“, sagte er lachend und entschuldigte sich. Sie waren also am Weg. Mein Freund und ich – ich weiß nicht, wer nervöser war – schnauften. Ein paar Minuten später sahen wir schon durchs Fenster des Cafés, dass mein Papa einparkte und er und seine Freundin aus dem Auto stiegen. Zu diesem Zeitpunkt raste mein Herz. Schließlich betraten sie das Café und sahen uns in einer Ecke sitzen, kamen auf uns zu, und plötzlich hatte ich nur mehr ein Leben, nicht zwei. Die Freundin meines Papas begrüßte meinen Freund herzlich, küsste ihn links und rechts, und dann begrüßte mein Vater meinen Freund. Herzlich. Küsste ihn links und rechts. Mein Papa! Mein Papa begrüßte meinen Freund mit einem Lächeln und küsste ihn links und rechts. Ich erkannte meinen Papa nicht wieder. Und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, als hätte ich meinen Papa in diesem Moment erst kennengelernt. Der Mensch, der er früher war, das war nicht mein Papa. Das, hier, in diesem Moment, das war mein Papa. Und nach all den Jahren war er für mich zu diesem Papa geworden. Wir setzten uns hin.

Wenn man an die Stille denkt, die so oft zwischen meinem Papa und mir herrschte, ist es unfassbar, wie viel mein Papa an diesem Vormittag gesprochen hat. Er hat aus seinem Leben erzählt, und das lebhaft, lustig und charmant, und er hat auch meinem Freund interessierte Fragen gestellt. Als er während des Treffens beruflich telefonieren musste, dolmetschte ich auch zwischen der Freundin meines Papas, die im Gegensatz zu meinem Papa nur Griechisch spricht, und Lukas, meinem Freund. Auch die beiden verstanden sich sehr gut – was allerdings wenig überraschend war. Nach dem Telefonat meines Papas ging es weiter und wir unterhielten uns über viele Themen. Irgendwann ging mein Freund aufs Klo und ließ meinen Papa, seine Freundin und mich zurück. Und da kamen die nächsten großen Momente, einer nach dem anderen. „Ein toller Kerl“, meinte die Freundin meines Papas, und mein Papa stimmte zu. Er entschuldigte sich, dass er Lukas nicht gleich in unser Dorf nach Griechenland einladen konnte. Darum ging es mir bei diesem Treffen auch nicht. Natürlich wünsche ich mir, meinen Freund auch dorthin mitnehmen zu können, aber dass wir hier alle gemeinsam an einem Tisch saßen war mir vorerst schon genug. Mehr als genug. Papas Rechtfertigung war aber interessant. Er rechtfertigte es mit den anderen, und das war keine Ausrede. Es war ehrlich gemeint. Er meinte, dass „wir“ und „die Unsrigen“ kein Problem damit hatten. Meine Familie hatte also kein Problem damit, dass ich schwul bin. In diese Gruppe schloss er sich, als wäre es das Selbstverständlichste überhaupt, mit ein. Es ginge vielmehr um die anderen Leute im Dorf. Aber ja, meinte er und seufzte traurig, wer weiß, vielleicht ändert sich das ja auch noch.

Ich kann nicht sagen, was ich in diesem Moment empfand, wirklich nicht. Aber da saß er vor mir, mein Papa, traurig seufzend, weil es homophobe Menschen in unserem Dorf gibt. Traurig seufzend, in der Hoffnung, dass sich vielleicht – hoffentlich, wie in seiner Stimme mitklang – daran etwas ändern würde. Mein Papa hatte die Seite gewechselt. Er war nun auf meiner Seite, nicht mehr auf der, auf der er diese anderen Menschen versteht. Stattdessen schien er endlich mich zu verstehen.

Ich musste nachhaken, was Papa mit den „Unsrigen“ gemeint hatte. Da stellte sich heraus, dass er es meiner Oma erzählt hatte. Meiner Oma, der einzigen Person, bei der ich mich nicht geoutet hatte. Wenn man die Problematik eines Fremdoutings beiseite lässt, spricht das Bände über die Entwicklung meines Papas. Früher hätte er das vor anderen nicht zugegeben geschweige denn von sich aus erzählt, und nun saß er vor mir und meinte, er hätte es meiner Oma gesagt. Was bedeutet, er schämt sich nicht mehr dafür. Und er steht zu mir. Und zu allem Überfluss scheint auch meine 82-jährige Oma nicht wirklich ein Problem damit zu haben.

Ein letzter Meilenstein folgte noch, bevor Lukas zurück an den Tisch kam. Mein Papa meinte, es gäbe so viele homosexuelle Menschen, die sich nicht trauen, zu ihrer Homosexualität zu stehen. Und dass er es gut findet, dass ich geoutet bin. 8 Jahre, nachdem mein Papa mich angeschrien hatte, wie ich es wagen könnte, ihm zu offenbaren, dass ich schwul bin, ein Gespräch, nach dem wir fast 2 Jahre nicht miteinander sprachen, saß er nun hier und sagte, er freue sich, dass ich mich outen konnte. Überwältigend, und das auf so vielen Ebenen.

Als mein Freund zurückkam, unterhielten wir uns alle noch anregend, bevor mein Papa und seine Freundin sich auf den Weg nach Wien machten. Bei einer Verabschiedung, die ebenso herzlich war wie die Begrüßung, adressierte mein Papa Lukas noch einmal und sagte, der erste Schritt wäre damit getan, und von nun an können wir uns ja alle öfter sehen. Nein, nicht der erste Schritt war getan, Papa. Der Schritt war getan, der einzige, der zählt.

Zwei Tage später rief mein Papa mich an, weil er mich treffen wollte (mein Freund war wieder in Wien), und nachdem er mich fragte, wie es mir geht, fragte er mich, wie es Lukas geht. Ich war gerade auf dem Weg zur Bibliothek, ein paar Bücher zurückbringen, und musste nach dem Telefonat kurz in eine Seitengasse einbiegen, weil mir die Tränen kamen. Dieses „Und wie geht es Lukas?“ besiegelte es nämlich. Das war kein Traum gewesen. Mein Leben hatte sich tatsächlich verändert, und davon gibt es kein Zurück mehr.

Im ersten Beitrag, in dem ich von den Grautönen zwischen dem Schwarz meines Vaters und meinem Weiß schrieb, meinte ich, dass ich mich als Mensch nicht komplett fühlen würde, bis mein Vater hinter mir stehen würde. Bis mein Vater an meinem gesamten Leben teilhaben würde. Ich weiß jetzt, was ich damit meinte, und es ist wahr. Seit diesem Samstag, an dem mein Papa meinen Freund kennenlernte, fühle ich mich, als hätte ich einen Papa, der für mich sein Schwarz zurückgelassen hat, was ganz und gar nicht leicht für ihn war und lange genug gedauert hat. Wir befinden uns jetzt in einer Grauzone, in der wir voneinander lernen, in der ich verstehe, warum es für ihn schwierig war und in der er versteht, warum es für mich schwierig war. Der springende Punkt ist: es ist unsere Grauzone, wir sind hier gemeinsam und wir wollen hier auch gemeinsam sein. Ich fühle mich jetzt von meinem Papa akzeptiert, und so verrückt das klingt, das legitimiert seinen Status als mein Elternteil. Wie ich oben bereits geschrieben habe: Es fühlt sich zum ersten Mal so an, als hätte ich überhaupt einen Papa. Und wenn er, was er seitdem wieder getan hat, diese Sätze „Ich liebe dich, ich bin stolz auf dich“ sagt, dann glaube ich sie ihm jetzt. Dadurch, dass er sich für mich weiterentwickelt hat, hat er diese Sätze endlich mit Bedeutung gefüllt.

#MeQueer